Ezechiel 1
Genesis 15
Lukas 10,38-42
Jak 5,13-18
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          E z e c h i e l    anders gesehen

Gott stärkt seine Verkünder 
 

Vorwort 

Das Buch Ezechiel behandelt die Geschichte Gottes mit Ezechiel. Es befasst sich mit der babylonischen Verbannung. Gott will sein Volk zur Besinnung bringen und setzt dazu u. a.  Ezechiel ein, den er zum Propheten beruft(vgl. Ez 2,1 ff) und an ihn auch entsprechende Anforderungen stellt.

     Ezechiel stammte aus einer priesterlichen Familie. Offensichtlich reichte Gott nicht, was Ezechiel von seinem Vater oder den Priestern seiner Zeit gesehen hat (Ez 3,7). Denn hätten die Priester im Sinne Gottes gehandelt, wäre das Volk nicht von Gott abgefallen. Die Ursache für den Glaubensabfall ist nicht nur im Verhalten des einfachen Volkes zu sehen. (Auch Aron trug mit Schuld daran, dass die Moseschar sich ein goldenes Kalb schuf und dieses verehrte.) So offenbarte Gott Ezechiel wie er sich seine Verkünder vorstellt (Ez 1,4-28) und gab ihm auch spezielle Anweisungen (2,4; 3,4 aaO).

     Gott wollte, dass Ezechiel sich mit jedem Wort Gottes ganz identifiziert, dass er ein leidenschaftlicher Verkünder ist (2,8-3,1.10 aaO).

      Gott erwartete von Ezechiel ein sicheres, unerschrockenes Auftreten (3,8-9 aaO).

Darin liegt wahrscheinlich der Grund, dass Ezechiel die menschenähnlichen Wesen (Cherubim) anders sah, als Jesaja die Seraphim. Während die Seraphim auch ihre Füße bedeckten (Jes 6,2), sah Ezechiel die Füße der Cherubim. Diese Füße waren sehr genau beschrieben (Ez 1,7). Es sollte offensichtlich damit etwas zum Ausdruck kommen, was Ezechiel später an sich selbst erfuhr (Ez 1,28-2,2; 3,8-9).

      Ezechiel sollte sich auch bewusst sein, dass er nicht auf sich allein gestellt ist, sondern dass Gott ihm die notwendige Hilfe gibt (3,8-9 aaO) und mit ihm ist, „hinter ihm steht“ (3,12 aaO). Auch der Name „Ezechiel“ unterstreicht dies. Er bedeutet: Gott macht stark. Aber nicht nur hinter Ezechiel steht Gott, sondern hinter jedem Botschafter Gottes – Verkünder von Gottes Wort (1,19-20 aaO – eine interessante Parallele zu 3,12-14aaO).

     Die von Ezechiel beschrieben Darstellungen sind Bilder, durch die Gott seine Botschaft möglicherweise sehr einprägsam mitteilen wollte. So sind die in Ez 1,20 genannten Räder nicht Teile eines Thronwagens, denn in einem wirklichen Thronwagenrad befindet sich kein Geist. Im alten Indien war das Rad ein Sinnbild der Macht sagenhafter Könige. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Räder an der Seite der Kerubim mitliefen ( 1,19 aaO). Würden die Räder auf einen Thronwagen hinweisen, dann hätte der Text wahrscheinlich gelautet: Liefen die Räder, dann gingen die Kerubim an deren Seite mit.

     Unmittelbar im Anschluss an diese Grundaussage in Kap. 1 kommt von Gott eine spezielle Aussage für Ezechiel (2,1 ff aaO). Diese Vorgehensweise finden wir auch bei Jesus im Neuen Testament. Er trifft gegenüber Marta zunächst eine Grundaussage: Marta, …nur eines ist notwenig. Dann geht er erst auf deren Bitte ein und sagt: Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden (Lk 10,38-42).

 Die Vision 1,4-28 aaO war zumindest teilweise auch für Ezechiel verschlüsselt, da sie  Aussagen beinhaltet, die sich erst vom Neuen Testament her erschließen lassen (vgl. Ez 1,10) und  dort wieder zu finden sind (sh. Offb 4,7). Die verschiedenen Textwiederholungen (z.B. 1,19 und 1,21; sollen  zum Ausdruck bringen, dass sie von besonderer Bedeutung sind.

       Um seinem Auftrag Nachdruck zu verleihen, kündigte Gott an, was Ezechiel droht, wenn er Gottes Wort nicht verkündet (3,16-21 aaO). Diese „Drohung“ wurde bis in die Tage des Apostels Paulus noch ernst genommen, sonst hätte jener nicht gesagt: Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde (1Kor 9,1).  …!  
 

Schrifttext 

Ezechiel 1, 4 – 28    

(Der folgende Schrifttext wurde der Einheitsübersetzung entnommen) 

      4 Ich sah: Ein Sturmwind kam von Norden, eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein. Aus dem Feuer strahlte es wie glänzendes Gold. 5 Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. Und das war ihre Gestalt: Sie sahen aus wie Menschen. 6 Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter und vier Flügel. 7 Ihre Beine waren gerade und ihre Füße wie die Füße eines Stieres; sie glänzten wie glatte und blinkende Bronze. 8 Unter den Flügeln an ihren vier Seiten hatten sie Menschenhände. (Auch Gesichter und Flügel hatten die vier.) 9 Ihre Flügel berührten einander. Die Lebewesen änderten beim Gehen ihre Richtung nicht: Jedes ging in die Richtung, in die eines seiner Gesichter wies. 10 Und ihre Gesichter sahen so aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn),  Ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier (nach hinten). 11 Ihre Flügel waren nach oben gespannt. Mit zwei Flügeln berührten sie einander, und mit zwei bedeckten sie ihren Leib. 12 Jedes Lebewesen ging in die Richtung, in die eines seiner Gesichter wies. Sie gingen, wohin der Geist sie trieb, und änderten beim Gehen ihre Richtung nicht. 13 Zwischen den Lebewesen war etwas zu sehen wie glühende Kohlen, etwas wie Fackeln, die zwischen den Lebewesen hin- und herzuckten. Das Feuer gab einen hellen Schein, und aus dem Feuer zuckten Blitze. 14 Die Lebewesen liefen vor und zurück, und es sah aus wie Blitze.

      15 Ich schaute auf die Lebewesen: Neben jedem der vier sah ich ein Rad auf dem Boden. 16 Die Räder sahen aus als seien sie aus Chrysolith gemacht. Alle vier Räder hatten die gleiche Gestalt. Sie waren so gemacht, dass es aussah, als laufe ein Rad mitten im anderen. 17 Sie konnten nach allen vier Seiten laufen und änderten beim Laufen ihre Richtung nicht. 18 Ihre Felgen waren so hoch, dass ich erschrak; sie waren voller Augen, ringsum bei allen vier Rädern. 19 Gingen die Lebewesen, dann liefen die Räder an ihrer Seite mit. Hoben sich die Lebewesen vom Boden, dann hoben sich auch die Räder. 20 Sie liefen wohin der Geist sie trieb. Die Räder hoben sich zugleich mit ihnen; denn der Geist der Lebewesen war in den Rädern. 21 Gingen die Lebewesen, dann liefen auch die Räder; blieben jene stehen, dann standen auch sie still. Hoben sich jene vom Boden, dann hoben sich auch die Räder zugleich mit ihnen; denn der Geist der Lebewesen war in den Rädern.

       22 Über den Köpfen der Lebewesen war etwas wie eine gehämmerte Platte befestigt, furchtbar anzusehen, wie ein strahlender Kristall, oben über ihren Köpfen. 23 Unter der Platte waren ihre Flügel ausgespannt, einer zum andern. Mit zwei Flügeln bedeckte jedes Lebewesen seinen Leib. 24 Ich hörte das Rauschen ihrer Flügel; es war wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen, wie die Stimme des Allmächtigen. Wenn sie gingen, glich das tosende Rauschen dem Lärm eines Heerlagers. Wenn sie standen, ließen sie ihre Flügel herabhängen. 25 Ein Rauschen war auch oberhalb der Platte, die über ihren Köpfen war. Wenn sie standen, ließen sie ihre Flügel herabhängen.

       26 Oberhalb der Platte über ihren Köpfen war etwas, das wie Saphir aussah und einem Thron glich. Auf dem, was einem Thron glich, saß eine Gestalt, die wie ein Mensch aussah. 27 Oberhalb von dem, was wie seine Hüften aussah, sah ich etwas wie glänzendes Gold in einem Feuerkranz. Unterhalb von dem, was wie seine Hüften aussah, sah ich etwas wie Feuer und ringsum einen hellen Schein. 28 Wie der Anblick des Regenbogens, der sich an einem Regentag in den Wolken zeigt, so war der helle Schein ringsum. So etwa sah die Herrlichkeit des Herrn aus. Als ich diese Erscheinung sah, fiel ich nieder auf mein Gesicht. Und ich hörte, wie jemand redete.  

 

A u s l e g u n g 

 

Zu 1, 4: Ein Sturmwind kam ..., eine große Wolke mit flackerndem Feuer, umgeben von einem hellen Schein

     Wolke, Sturmwind, Feuer, heller Schein (Licht) sind Zeichen für Gottes Nähe, Gottes Anwesenheit. Feuer und Wolke begleiteten die Moseschar beim Auszug aus Ägypten. Die Herrlichkeit des Herrn ließ sich auf den Sinai herab, und die Wolke bedeckte den Berg sechs Tage lang. Am siebten Tag rief der Herr mitten aus der Wolke Mose herbei. Die Erscheinung der Herrlichkeit des Herrn auf dem Gipfel zeigte sich vor den Augen der Israeliten wie verzehrendes Feuer (Ex 24, 16. 17).  

Zu 1, 5: Mitten darin erschien etwas wie vier Lebewesen. ……. Ihre Gestalt: Sie sahen aus wie Menschen.

     Diese vier menschlichen Lebewesen waren ganz umgeben von Gott, ganz eingehüllt in Gott. Eine parallele Situation begegnet uns auf dem Berg der Verklärung: Eine leuchtende Wolke kam und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein (Lk 9, 34). Die Verkünder von Gottes Wort und Gottes Willen des alten Testaments, Mose und Elija, sowie des neuen Testaments, Petrus, Jakobus und Johannes, einschließlich dem Herrn Jesus, dem Mensch gewordenen Wort Gottes, wurden von einer Wolke umgeben, empfingen Gottes Wort, seinen Willen und hörten seine Stimme.

     Wer Gottes Wort verkündet, ist von Gott umgeben und soll sich daher nicht fürchten. Der Sohn Gottes bestätigt dies: Darum geht hinaus zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern … Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt ‚(Mt 28, 19. 20).  

Zu 1, 6. 10: Jedes der Lebewesen hatte vier Gesichter

      Und zwar die gleichen Gesichter, nämlich ein Menschengesicht, ein Löwengesicht, ein Stiergesicht, ein Adlergesicht. Mit ihren vier Gesichtern drücken sie Unterschiedliches aus, je nach Betrachtungsweise. Und doch hat jedes der vier Wesen die gleichen unter-schiedlichen Gesichter. Sie bezeugen somit Einheit und Geschlossenheit. Jesus sagt: Alle sollen eins sein: Wie du Vater in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt (Joh 17, 21). Und: Wer mich sieht, sieht den Vater (Joh 14, 9). 

Zu 1,7: Ihre Beine waren gerade

     Geradlinig, nicht gewunden, nicht verbogen soll der Verkünder in Bezug auf die Verkündigung sein. Jeremia berichtet, was der Herr ihm gesagt hat: Hiermit lege ich meine Worte in deinen Mund. ….; du sollst ausreißen und niederreißen, vernichten und einreißen, aufbauen und einpflanzen (Jer 1, 9. 10). Das Paradebeispiel finden wir in Jesus; seine Verkündigung – ob gelegen oder ungelegen; seine Worte waren nicht allen angenehm (vgl. Lk 11, 37 – 54).

     Ihre Füße wie die eines Stieres

Stabil, standfest, nicht umzuwerfen Ein Bild für die notwendige Standfestigkeit der Verkünder.

      Sie glänzten wie glatte, blinkende Bronze

Bronze zeichnet sich aus durch Härte, Festigkeit, Widerstandsfestigkeit. Dieses Material hat kaum Reibungsverluste und ist nicht korrosionsanfällig. Die Eigenschaften dieses Materials ergänzen die vorausgegangene Beschreibung der Beine und verdeutlichen nochmals die (notwendige) Stabilität der Verkünder - ihre Festigkeit was Gottes Wort anbelangt. 
 
 

Zu 1, 9: Ihre Flügel berührten einander

      Die Flügel zeigen, dass die menschenähnlichen Lebewesen Engel waren. Engel sind Boten Gottes; sie verkünden Gottes Botschaft, Gottes Wort, was auch die Aufgabe der Menschen ist. Das Berühren der Flügel weist wieder auf die Geschlossenheit in der Verkündigung hin. Jesu Mahnung: Alle sollen eins sein (vgl. Joh 17, 11. 21). 

Zu 1, 10: Und ihre Gesichter sahen aus: Ein Menschengesicht (blickte bei allen vier nach vorn), ein Löwengesicht bei allen vier nach rechts, ein Stiergesicht bei allen vier nach links und ein Adlergesicht bei allen vier (nach hinten).

      Gott offenbarte sich durch seinen Sohn in unüberbietbarer Weise. Diese Offenbarung ist am massivsten in den vier Evangelien festgehalten. Die vier Gesichter dieser menschen-ähnlichen Lebewesen wiesen bereits damals auf die vier kanonisierten Evangelien hin:

            das Menschengesicht für das Matthäusevangelium (denn Matthäus beginnt sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu, mit der Wurzel Jesu Menschseins),

            das Löwengesicht für das Markusevangelium (weil das Markusevangelium mit dem Rufer in der Wüste beginnt, mit Johannes dem Täufer; Hieronymus vergleicht ihn mit dem Brüllen eines Löwen),

            das Stiergesicht für das Lukasevangelium (denn es erwähnt Jesu „Wiege“, die Futterkrippe, die Tieren wie Ochs und Esel dient; Hieronymus denkt hier an den Opferdienst des Priesters Zacharias) und

            das Adlergesicht für das Johannesevangelium (dessen Abfassung dem Höhenflug eines Adlers gleicht; Hieronymus sieht den Prolog und meint, dass dieser Evangelist „höher fliegt als die anderen“ - Adler).

      Hieronymus bezieht die Gesichter der vier Wesen ebenfalls auf die vier Evangelien.  Wenn man der Begründung des Hieronymus für die Zuordnung der vier Evangelien zu den verschiedenen Gesichtern folgt, dann zeigt sich eine gewisse Parallele zu der Namens-findung der Juden für die fünf Bücher Mose. Die Juden nennen das jeweilige Buch Mose nach den ersten Worten, mit dem es beginnt. Hieronymus erschließt aus dem ersten Kapitel des jeweiligen Evangeliums welches Gesicht der Wesen dazu passt.

     Die Reihenfolge, in der die verschiedenen Gesichter genannt sind, ist „seltsamer weise“ die gleiche, in der die vier Evangelien in der Bibel stehen, in der man das Matthäusevan-gelium als das vermeintlich älteste Evangelium irrtümlich an die erste Stelle gesetzt hat. (!)

     Diese vier Gesichter finden sich wieder in der Offenbarung des Johannes unter 4, 7. Die Vision unterstreicht somit bereits damals die Bedeutung dieser vier Evangelien für die Verkündigung und deren Glaubhaftigkeit. Sie wirkt vorauswissend jenen Stimmen entgegen, die die Glaubwürdigkeit der Evangelien (z. B. wegen deren späten Abfassung und aus anderen Gründen) in Frage stellen wollen. Satan hat seine Vorgehensweise nicht wesentlich geändert, wenn wir an das Verhalten der Schlange gegenüber Adam und Eva denken: Hat Gott das wirklich gesagt? – Gen 3, 1 – Wenn die Bibel mit den Evangelien in Frage gestellt wird, ist der christliche Glaube, der auf diesen Überlieferungen beruht, in Frage gestellt, und Satan hätte sein Ziel erreicht.

     Jesus versichert aber: Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe (Joh 14, 26). Ferner: Wenn ihr in mir bleibt und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15, 7). Gott warnt die Priester vor der Zerstörung der Überlieferungen: Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, darum verwerfe auch ich dich als meinen Priester (Hos 4, 6). Johannes berichtet in der Offenbarung vom Lohn für die Treue zu Gottes Wort: Dann sah ich Throne; und denen, die darauf Platz nahmen, wurde das Gericht übertragen. Ich sah die Seelen aller, die enthauptet worden waren, weil sie am Zeugnis Jesu und am Wort Gottes festgehalten hatten (Off 20, 4). Offensichtlich wollte Gott über 500 Jahre vor Christi Geburt die Glaubwürdigkeit der Aufzeichnungen über Jesus Christus durch die vier Evangelien in der Vision des Ezechiel für die Verkünder späterer Zeiten unterstreichen.

      Mit ihren Gesichtern drücken die menschlichen Lebewesen aus, dass sie ganz und gar auf die Verkündigung des Evangeliums ausgerichtet waren. Nicht die gestenreiche freie Rede, nicht das stete Lächeln verändern die Seele des Hörers und führen zur Bekehrung, sondern allein Gottes Wort. Deshalb bedeckten die Engel auch in der Vision Jesajas ihr Gesicht (Jes 6, 2). Gott allein ist die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Der Verkünder soll daher seine Hörer nicht für sich zu gewinnen versuchen, sondern für das Reich Gottes. Wo ist dann noch Platz für Neid, die Blüte der Selbstsucht? Und wie viele sind es wirklich, die sich über den Erfolg anderer für das Reich Gottes ehrlichen Herzens freuen?!

      Bevor Ezechiel von Gott den Auftrag bekam, zu den Abtrünnigen Söhnen Israels zu reden, zu den Menschen, die den Glauben verloren haben, musste er eine Buchrolle essen, sein Inneres mit Gottes Wort anfüllen (vgl. Ez 2, 3 – 3, 3). Mit welchem Wissen werden die Verkünder von heute an den Universitäten und in ihrer Vorbereitungszeit angefüllt? Wie viel davon bezieht sich auf Gottes Wort? Ausdrücklich verlangte Gott von Ezechiel: … sprich mit meinen Worten zu ihnen (Ez 3, 4) … sag zu ihnen: So spricht Gott der Herr (Ez 2, 4; 12, 28). In Zeiten großen Glaubensabfalls fruchtet allein Gottes Wort, das zu zitieren ist; ob sie es hören wollen oder nicht (Ez 2, 5), denn nur in seinem Wort ist Gott gegenwärtig. Auch der Apostel Paulus hat nicht versucht, das Evangelium durch kluge und gewandte Worte zu verbessern, damit das ‚Evangelium nicht um seine Kraft gebracht wird (vgl. 1 Kor 2, 4 – 5). 

Zu 1, 11: mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib

      Dadurch tritt die Person des Verkünders in den Hintergrund. Auch aus diesem Bild ergibt sich: Nicht der Verkündende ist wichtig, sondern allein Gottes Wort. Der Hörer sollte nicht vom Verkünder angezogen werden, sondern allein von Gottes Wort. Das kostbare, teuere liturgische Gewand ist unwichtig – die Flügel bedeckten ihren ganzen Leib. Jesu Vorwurf an die Pharisäer und Schriftgelehrten von einst: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und ihre Quasten an ihren Gewändern lang (Mt 23, 5); sie gehen gern in langen Gewändern (Mk 12, 38). – Und wozu schmücken sich die Verkünder von Gottes Wort heute? Doch nicht für Gott, denn „Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. … der Herr aber sieht in das Herz“ (1 Sam 16, 7). Obwohl Jesus als König in diese Welt gekommen ist (Joh 18, 37) ist er nicht in königlicher Kleidung mit kostbaren und teueren Gewändern aufgetreten. Wer ihn also verkörpern will, sollte sich auch wie er verhalten.

     Warum waren die Emmaus-Jünger bei der  Begegnung des Auferstandenen wie mit Blindheit geschlagen (vgl. Lk 24, 16)? Erst als er das Brot brach und wie der liebende Hausvater es ihnen gab (wie immer), da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn (vgl. Lk 24, 30 – 31). Auch die elf Jünger in Jerusalem erkannten den Auferstanden zunächst nicht; erst als er ihnen die Male seiner Liebe zeigt, seine Wundmale, wussten sie, dass es Jesus war (vgl. Lk 24, 36 – 39). Maria aus Magdala sah den auferstandenen Herrn dastehen. Auch sie wusste nicht, dass es Jesus war (vgl. Joh 20, 14). (!) Erst als sie der Herr beim Namen nannte, da erkannte sie ihn. Und als die erfolglos fischenden Jünger dem Auferstandenen begegneten wussten sie wieder nicht, dass es der Herr war, der ihnen zurief. Nur Johannes folgerte dies aus dem wunderbaren Fangergebnis (Joh 21, 1 – 7). Der erfolgreiche Fischfang nach einer erfolglosen Tour, ist das nicht auch ein Zeichen der Liebe des Herrn? Vom äußeren Erscheinungsbild erkannten die Jünger den auferstandenen Herrn auch an Land noch nicht; denn sie hätten ihn ansonsten doch nicht fragen wollen: Wer bist du? (vgl. Joh 21, 12) -  Warum wechselte der Auferstandene immer wieder seine Gestalt, sein Aussehen (vgl. Mk 16, 12)? Woran sollte der Herr erkannt werden? – an seiner Liebe und nicht an seinem Gewand!

      Vor einiger Zeit hat Papst Johannes Paul II. die polnische Ordensschwester Faustyna heilig gesprochen. Jene Schwester hatte in einer Vision von Jesus den Auftrag bekommen, von ihm ein Bild zu malen, so wie sie ihn sieht. Die Schwester malte den Herrn in einem einfachen, langen, damals üblichen Kleid – also nicht in der Kleidung eines Hohen Priesters alter oder neuer Art – aber mit einer segnenden Hand und der weiteren Hand, die auf sein ausstrahlendes Herz zeigt. Und jeder, der dieses Bild sieht, weis: „es ist der Herr“. Darüber sollte man nachdenken. „Wer mein Jünger sein will, folge mir nach“! Die Suppe bekommt erst Geschmack, wenn man das Salz nicht mehr sieht.

     Wollte Johannes Paul II. mit seinem bescheiden, schmucklosen Sarg noch im Tod ein Umdenken einleiten? Der einzige Schmuck der „Holzkiste“ war ein Evangeliar – Gottes Wort; alles andere trat wie bei den menschenähnlichen Wesen im Buch Ezechiel in den Hintergrund. Kein kostbarer Kelch, keine goldene Hostienschale, keine Priesterstola und kein Pallium, keine Kirchenfahne mit Wappen, nicht einmal eine einzige Blume zierten seinen Sarg. Der Windhauch schlug das Evangeliar auf dem Sarg zu in dem er vorher geblättert hat, als ob er etwas suchen beziehungsweise belegen wollte. Sollte nun zu Ende gehen, was mit dem Evangelium, mit den Aufzeichnungen über den Herrn Jesus sich nicht rechtfertigen lässt?

     Weil das Outfit der menschenähnlichen Wesen total unwichtig war, waren auch deren Gesichter nicht zu erkennen. Sie waren ersetzt durch vier andere Gesichter. Diese vier menschlichen Wesen waren ganz und gar auf die Verkündigung von Gottes Wort ausgerichtet. Sie betrieben keine Selbstdarstellung. – Ich bin ein eifersüchtiger  Gott (Ex 20, 5). Für jene kam es nicht auf den Unterhaltungswert der Verkündigung, auf das Lob und den Applaus ihrer Hörer an. Darum sagt Paulus: Wir predigen nicht um den Menschen, sondern um Gott zu gefallen (vgl. 2 Thess 2, 4). Der Gelehrte, Paulus: Als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um das Zeugnis Gottes zu verkünden. Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen, außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2, 1. 2). Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte …, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stütze, sondern auf die Kraft Gottes (1 Kor 2, 4. 5). Selbst Jesus sagt nur, was er vom Vater hört. Und das Wort, das ihr hört stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat (Joh 14, 24).  

Zu 1, 12: Jedes Lebewesen ging in die Richtung, in die eines seiner Gesichter wies

      Das Menschengesicht (Matthäusevangelium) zu den Judenchristen,

      das Löwengesicht (Markusevangelium) zu den Heidenchristen,

      das Stiergesicht (Lukasevangelium zu den gebildeten Heidenchristen,

      das Adlergesicht (Johannesevangelium) entfaltet die Selbstoffenbarung Jesu als Sohn

           Gottes und als der erwartete Messias allen, die gerettet werden sollen.

Das Wort Gottes wurde überall dort verkündet, wohin der Geist sie trieb (vgl. Apg 16, 6 f). Gottes Geist führt die Verkünder; sie sollten deshalb nicht enttäuscht sein, wenn es anders kommt, als sie planen. Die Verkündigung wird unaufhaltsam voranschreiten.  

Zu 1, 13: Zwischen den Lebewesen war etwas zu sehen wie glühende Kohlen, etwas wie Fackeln ……. Das Feuer gab einen hellen Schein.

      Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt (Joh 8, 12). Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen (Lk 12, 49). Das Feuer, der helle Schein, die Blitze, die hin und her zuckten, weisen auf Jesus hin. Er ist Licht vom Licht; nicht der Verkünder ist das Licht, jener steht höchstens in seinem Licht. Und das Licht leuchtet in der Finsternis (Joh 1, 5) überall dort auf, wo das Evangelium verkündet wird, denn er ist in seinem Wort gegenwärtig. Er ist es letztlich, der bewirkt, dass das Evangelium, wo immer es verkündet wird, Frucht bringt. Jesus, das Licht der Welt, verbindet auch die Verkünder untereinander. – Fackeln, die zwischen den Lebewesen hin und her zuckten. Aus dem Dankgebet Davids geht hervor, dass u. a. glühende Kohle zu den Symbolen für das Erscheinen des Herrn zählen (vgl. 2 Sam 22, 7 – 10).

      Bevor Jesaja von Gott zu seinem Volk gesandt wurde, um sein Wort zu verkünden, wurden seine Lippen mit glühender Kohle gereinigt, die vom Altar genommen worden ist. „Deine Schuld ist getilgt, deine Sünde gesühnt“ (vgl. Jes 6, 5 – 9). Auch diese Bedeutung der Kohle sollte von den Verkündern beachtet werden. Mit reinen Lippen – nach getilgter Schuld – sollen sie verkünden.  
 

Zu 1, 14: Die Lebewesen liefen vor und zurück

„vor“:       Jesus sagt zu den Aposteln: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen (Mk 16, 15).

„zurück“: Ihr werdet nicht zu Ende kommen mit den Städten Israels bis der Menschensohn kommt (Mt 10, 23). Die Vision Ezechiels weist bereits damals darauf hin, dass immer wieder eine Neuevangelisierung erforderlich wird; weil es immer wieder zum Glaubensabfall kommt. 

Zu 1, 15: Neben jedem der vier sah ich ein Rad

      Ein Rad ist geometrisch gesehen ein Kreis – ohne Anfang und Ende. Im Brief an die Hebräer schreibt der Apostel Paulus: Dieser Melchisedek, … ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ein Abbild des Sohnes Gottes … (vgl. Hebr 7, 1. 3). Das Rad versinnbildlicht also Jesus, der mit jedem Verkünder des Reiches Gottes unterwegs ist. Jene sollten daher immer bedenken, dass sie nicht allein unterwegs sind, sondern dass Jesus immer bei ihnen ist. Jesus: Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28, 20). Mit Jesus ist aber gleichzeitig der Vater und der Heilige Geist bei den Verkündern, denn Jesus sagt, dass der Vater in ihm ist (Joh 14, 11). Ebenso ist der Heilige Geist in ihm (Joh 1, 32-33; 20, 22). So ist das Rad auch Symbol der Heiligen Dreifaltigkeit.

      Ein Rad drückt aber auch mehr aus als ein Kreis. Mit dem Rad wird der Gedanke an eine schnelle Fortbewegung verknüpft, an die Eilbedürftigkeit der Verkündigung. Jesus verdeutlicht dies gegenüber seinen Jüngern: Grüßt niemand unterwegs (Lk 10, 4). Lass die Toten ihre Toten begraben, du aber geh und verkünde das Reich Gottes (Lk 9, 60). 

Zu 1, 16: Die Räder sahen aus als seien sie aus Chrysolith gemacht;

      einem klaren Mineral, so „glasklar“ wie Jesus war und ist.

Sie waren so gemacht, als laufe ein Rad mitten im anderen

      Es ist nämlich der gleiche Jesus, egal ob er durch das Matthäus-, Markus-, Lukas- oder Johannesevangelium verkündet wird. Papst Gregor der Große schließt seine Darlegungen über den Evangelisten Markus: „Was er von dem Mensch gewordenen Herrn berichtet, nun dasselbe wie Matthäus, Lukas und Johannes“. Deshalb sahen die Räder gleich aus, und als laufe ein Rad mitten im anderen.

      Die Durchsichtigkeit des Materials der Räder weist auch darauf hin, dass Jesus in der Gesamtschau aller Evangelien zu sehen ist und nicht einseitig nach diesem oder jenem Evangelium, denn sie ergänzen sich gegenseitig. 

Zu 1, 17:

      Deshalb konnten die Räder nach allen vier Seiten (in Richtung Löwengesicht, Menschengesicht, Stiergesicht und Adlergesicht) laufen, ohne die Richtung zu verändern. Jesus sagt: Ich bin der Weg … Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14, 6). Jesus ist der Weg, die Richtung zum Vater für Juden, Heiden, Griechen, für alle Christen. Egal welches der vier Evangelien verkündet wird, jedes führt zum Vater. So wird die Vision verständlich. – Sie (die Räder) konnten nach allen vier Seiten laufen und änderten beim Laufen ihre Richtung nicht. 
 

Zu 1, 18: Ihre Felgen waren so hoch, dass ich erschrak

      Die Größe und Macht Jesu, die sich in Zeichen und Wundern, vor allem aber in der Vergebung der Sünden zeigt, ist unfassbar. Jesus sagte zu den elf: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde (Mt 28, 18). Also keine Angst bei der Verkündigung des ganzen Evangeliums.  

     Noch mehr staunen werden wir, wenn er als Richter der Welt erscheint, wenn unser ganzes Leben aufgedeckt wird. Nichts wird übersehen. Die zahllosen Augen auf den Felgen deuten uns dies an. Sie waren voll Augen. … Alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden (Hebr 4, 13) – Rechenschaft auch bezüglich unserer Verkündigung. Seine Augen schauen herab, seine Blicke prüfen die Menschen (Ps 11, 4b). 

Zu 1, 19: Gingen die Lebewesen, dann liefen die Räder an ihrer Seite mit. Hoben sich die Lebewesen vom Boden, dann hoben sich auch die Räder.

      Bezeichnenderweise liefen nicht die Lebewesen neben den Rädern - wie bei einem (Thron-)Wagen - sondern die Räder liefen an der Seite der Lebewesen. Sie begleiteten die Lebewesen. Jesus, der Sohn Gottes, ist immer bei den Verkündern von Gottes Wort, des Evangeliums, wo immer sie ihrem Auftrag nachkommen. Im Psalm 139, 8 – 10 findet sich eine Bestätigung dessen: Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen. Nehme ich die Flügel des Morgenrotes und lasse mich nieder am äußersten Meer, auch dort wird mich deine Hand ergreifen und deine Rechte mich fassen. Zu Jeremia spricht Gott: Wohin ich dich auch sende, dahin sollst du gehen, und was ich dir auftrage, das sollst du verkünden. Fürchte dich nicht vor ihn(en), denn ich bin mit dir, um dich zu retten (Jer 1, 7 f).

            Ezechiel war ein sehr genauer Beobachter. Dies zeigt sich schon in der Beschreibung der Füße der menschenähnlichen Wesen. Hätte Ezechiel einen Thronwagen gesehen, so hätte er nicht nur von Rädern gesprochen. Da Ezechiel aber explizit von Rädern spricht, ist die Bedeutung eines Rades zu ergründen. Die Bedeutung dieser Räder ist eine ganz andere wie die eines Thronwagens.

     Das Rad hat eine dienende Funktion; es trägt den Menschen (z. B. als Rad eines Wagens oder bei einem Fahrrad), erleichtert seine Arbeit (z. B. bei einem Aufzug), es dient ihm bei der Ermittlung der richtigen Zeit (z. B. in einer Uhr). Es ist ihm also in den verschiedensten Bereichen behilflich. Jesus sagt von sich: Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mt 20, 28). Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen (1Petr 2, 24). Mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden (Mt 26, 28). Er half den Kranken, den Bedrängten, den Sündern und erläuterte das Gesetz. Er war voll Liebe und ohne Geltungsdrang. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird (Joh 3, 7). So bestieg er auch bei der Einsetzung der hl. Eucharistie – beim letzten Abendmahl - keinen mit einem Wappen versehenen und über alle erhöhten Thron, sondern er erniedrigte sich und begab sich an jenem Abend zu Füßen seiner Jünger, um deren Füße zu waschen (vgl. Joh 13, 2 ff). Er war allerdings auch nur ein gelernter Zimmermann und handelte nicht in persona Christi sondern war Christus, der Gesalbte, der Messias, der Sohn Gottes selbst. Und der sagte: Ich bin nicht auf meine Ehre bedacht (Joh 8, 50)! Er konnte warten, bis sich das Schriftwort an ihm erfüllte: So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zu Rechten, und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße ( Ps 110, 1). Stand nicht auch der Herr jener Abendmahlfeier vor?! … Es lässt sich natürlich auch einer Fehlentwicklung eine christliche Begründung geben und wenn diese von namhaften Leuten ausgeht, ist sie für viele allein schon deshalb glaubhaft; sie bleibt aber trotzdem eine Fehlentwicklung - und der Stolz wird seinen Beitrag leisten, damit sie auch weiterhin Bestand hat. So sind auch die Insignien wie Pallium, die besondere Kopfbedeckung, der Ring u. ä. nicht eine Erfindung des Herrn oder seiner ersten Apostel sondern Zeichen der von Kaiser Konstantin den Bischöfen verliehenen weltlichen Macht. Je nach Rang hatten sie das Recht auf Thron, Weihrauch und Handkuss, schreibt Norbert Brox in seinem Buch „Kirchengeschichte des Altertums“.

     Jesus ist bei den Menschen auf Erden nicht um über sie zu herrschen, sondern um ihnen zu dienen. „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 15) – was nicht auf die Fußwaschung beschränkt ist. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6). „Wer mein Jünger sein will, folge mir nach“ ( Mk 8,34). Auf ihn sollt ihr hören (Mt 17, 5).

     So wie sich „dienen“ von „herrschen“ unterscheidet, unterscheidet sich hier (1, 19 aaO) auch die Bedeutung des Rades von der eigentlichen Bedeutung eines Thronwagens.  

Zu 1, 20: Die Räder hoben sich zugleich mit ihnen (den Lebewesen); denn der Geist der Lebewesen war in den Rädern.

      Der Geist, der die Lebewesen dirigierte, ging von den Rädern (Jesus) aus. Nach seiner Auferstehung hauchte Jesus die Jünger an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist (vgl. Joh 20, 22). „Wenn der Vater sein Wort sendet, dann sendet er stets auch seinen Hauch – es ist die gemeinsame Sendung, in der der Sohn und der Heilige Geist sich voneinander unterscheiden, aber nicht voneinander trennen lassen“ (Katechismus der katholischen Kirche Nr. 689). – Der Geist war in den Rädern. Durch den Heiligen Geist sind die Jünger stets mit Jesus verbunden. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe (Joh 14, 26). Weil Jesus durch den Heiligen Geist den Verkündern des Evangeliums immer nahe ist, ist auch die parallele Bewegung von Lebewesen und Rädern erklärbar.  

Zu 1, 22: Über den Köpfen der Lebewesen war etwas wie eine gehämmerte Platte befestigt, furchtbar anzusehen, wie ein strahlender Kristall, oben über ihren Köpfen.

           Durch das Hämmern von Eisen und Stahl wird das Material gehärtet und dadurch besonders stabil. Die Platte liegt – als Symbol -  trennend zwischen Himmel und Erde und nur wer ganz in Gott ist, wird das Trennende überwinden. Nur wessen Seele im Licht dieses glasklaren Kristalls (im Lichte Gottes) bestehen kann, wird in den Bereich, der über der Platte liegt, gelangen. – Ein strahlender Kristall, oben über ihren Köpfen.

     Allem Himmlischen ist eine gebührende Ehrfurcht entgegenzubringen, denn furchtbar und herrlich ist Gott (vgl. Ps 76, 5). Aufgabe der Propheten und Hirten ist es daher, ihre Verkündigung so auszurichten, dass dadurch den Hörern Ehrfurcht vor Gott vermittelt wird. Die Ehrfurcht vor Gott bewahrt vor Glaubensabfall. Wie schlimm und bitter ist es, den Herrn

deinen Gott zu verlassen und keine Furcht vor mir zu haben (Jer 2, 19). Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit (Ps 111, 10). Das gilt auch für den Verkünder selbst. Was Paulus in 1Kor 9, 16 sagt, gilt für das ganze Evangelium. Manche reden nur vom Himmel und verschweigen die Existenz der Hölle. Dabei wären doch Aussagen über deren Realität manchmal sehr heilsam – wenn man nicht gleich zum „Teufelsprediger“ wird.  

Zu 1, 24: Ich hörte das Rauschen ihrer Flügel; es war wie das Rauschen gewaltiger Wassermassen, wie die Stimme des Allmächtigen.

      In Jer 2, 13 bezeichnet sich Gott als der Quell des lebendigen Wassers. Wenn Gottes Wort verkündet wird, so ist dies, wie wenn der Allmächtige selbst spricht. In Gottes Wort begegnen wir dem lebendigen Gott (vgl. Joh 14, 23; Offb 14, 2). Gott sagt: So ist es mit meinem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zurück, sondern bewirkt was ich will, und erreicht alles, wozu ich es gesandt habe (Jes 55, 11). Denn lebendig ist Gottes Wort, kraftvoll … (Hebr 4, 12). 
 
 

Zu 1, 25: Ein Rauschen war auch oberhalb der Platte, die über ihren Köpfen war.

      Das Rauschen auch oberhalb der Platte weist auf die Einheit von Gott und Gottes Wort hin. Gott, der im Himmel thront, wirkt durch sein Wort, das auf der Erde von Menschen als Boten Gottes verkündet wird. Joh 14, 24: Und das Wort, das ihr hört, stammt nicht von mir, sondern vom Vater, der mich gesandt hat. Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus (Offb 22, 1). 

Zu 1, 26: Oberhalb der Platte über ihren Köpfen war etwas, das wie ein Saphir aussah und einem Thron glich.

      Saphir ist ein blauer Edelstein, kostbar und sehr wertvoll. Blau ist die Farbe für Treue. Der Thron ist treu. Darum: Lasst uns am unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, denn er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu (Hebr 10, 23). Der Verkünder kann sich auf Gottes Verheißung verlassen . Gott bleibt seinem Wort und dessen Verkündern treu.

      Auf dem, was einem Thron glich, saß eine Gestalt, die wie ein Mensch aussah.

Gott ist der König des Himmels und der Erde; der König der Könige. Bei der (thronenden) Gestalt handelt es sich um Jesus Christus, seinen Sohn, der in Maria menschlichen Leib annahm und darum aussah wie ein Mensch (vgl. auch Ps.110). 

Zu 1, 27: Oberhalb von dem, was wie seine Hüften aussah, sah ich etwas, wie glänzendes Gold in einem Feuerkranz.

      Der Kranz ist ein Zeichen des Sieges. Oberhalb der Hüften ist das Herz, das Zeichen der Liebe. Mit brennender (feuriger) Liebe – durch die qualvolle Hingabe seines Lebens – hat Jesus, das Böse in der Welt besiegt und den Siegeskranz errungen.  

      Unterhalb von dem, was wie seine Hüften aussah, sah ich etwas wie Feuer und ringsum einen hellen Schein.

      Unterhalb der Hüften beginnen die Beine. Er, der Sohn des Allerhöchsten, hat menschlichen Leib angenommen, er ist daher mit menschlichen Beinen auf diese Erde gekommen; als Licht vom Licht, um in der dunklen Welt zu leuchten (vgl. Joh 1, 4 ff). Jesus sagt über sich: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen (Lk 12, 49). 

Zu 1, 28: Wie der Anblick des Regenbogens …, so war der helle Schein ringsum.

      Der Regenbogen, der Himmel und Erde berührt, ist im AT das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen (vgl. Gen 9, 16 f). Gott, das herrliche Licht berührt die Erde mit ihren Bewohnern. Durch sein Licht erleuchtet er uns, beschirmt uns und erfreut uns. Er bleibt den Menschen verbunden. Auch mit diesem Zeichen in diesem Bild drückt Gott in dieser Vision des Ezechiel aus, dass Jesus seinen Jüngern, die sein Evangelium verkünden, immer verbunden ist. Er bleibt ihnen treu, auch wenn sie untreu waren (vgl. 2 Tim 2, 13).

Jahwe, dein Gott ist der Gott; er ist der treue Gott; noch nach tausend Generationen achtet er auf den Bund … (Dtn 7, 9). 
 

Zusammenfassung der Vision:

a) Mit den vier christlichen Evangelien im Kopf kann man diese Vision des Ezechiel neu lesen und darin die Viergestaltigkeit des Evangeliums, die ja auch für Vielfalt steht, gespiegelt sehen. Gottes Wort ist nicht immer ein- sondern oft mehrdimensional.

b) Die Verkünder müssen in Gottes Wort feststehen und überzeugt sein, dass Gott in seinem Wort gegenwärtig ist und durch sein Wort wirkt. Sie sollten deshalb an Gottes Treue und Hilfe nie zweifeln und nicht wanken; nur dann wird sich dessen Wirkmächtigkeit voll entfalten. 
 

c) Die Persönlichkeit insbesondere das Outfit des Verkünders, hat in den Hintergrund zu treten. Gottes Wort allein sollte die Aufmerksamkeit gelten. Nur in ihm sind die Wahrheit und das Heil zu suchen, nicht im Verkünder. Der nach Ansehen oder Karriere strebende Verkünder ist daher fehl am Platz. Solche Menschen blockieren das Wirken Gottes. Das „Ich bin“ steht nur Gott zu.  

Dank sei Gott 

Johannes Baptista, Mt 11,25